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Europäische Erstaufführung von Harry Partchs „The Delusion of the Fury“ auf der Ruhrtriennale 2013

- eine Oper auf ungewöhnlichen Instrumenten, darunter mit dem Chromelodeon als einem Harmonium mit 43-töniger Oktavteilung, nachgebaut durch Ulrich Averesch und Andreas Weber.

Da die amerikanischen Originalinstrumente für Partchs Oper Unikate und nicht transportfähig sind, mussten sie für die europäischen Aufführungen nachgebaut werden.
Das Chromelodeon wurde daher von Harmonium-Restaurator Ulrich Averesch und Orgelbaumeister Andreas Weber für die europäischen Aufführungen neu erbaut.

Lesen Sie im Folgenden mehr über den Komponisten, sein ungewöhnliches Instrumentarium und das Chromelodeon.

Inhalt:

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Zum Werk und zum Komponisten

Ein Beitrag von Stefan Gruschka.
   

Komponist mit eigenwilligen Klangideen

Der Komponist Harry Partch (1901–1974) zählt zu den originellsten und eigenwilligsten amerikanischen Komponisten. Er war eine ähnlich unkonventionelle Persönlichkeit wie sein bekannterer Zeitgenosse John Cage und gilt in den USA als eine Kultfigur der Pop-Avantgarde.
Partch zählte zu den ersten Komponisten, die konsequent mikrotonal komponierten. Dafür entwickelte er ein eigenes Tonsystem, in dem er die Oktave nicht, wie in der gewöhnlichen Tonleiter in 12 Halbtöne, sondern in 43 verschieden große – man müsste eher sagen: verschieden kleine – Stufen einteilte. Dieses Tonsystem basiert auf Ideen und Forschungen des deutschen Physiologen, Physikers und Akustikers Hermann von Helmholtz (1821–1894) und ermöglicht auch eine Intonation in harmonisch reiner Stimmung.
Eine von Partchs wichtigsten Ideen war es auch, über sein 43-stufiges Tonsystem mit Musikinstrumenten eine ähnlich feine Intonation erreichen zu können wie in der menschlichen Sprache.
   

Skurriles Instrumentarium

Zu Partchs 43-stufigem Tonsystem gehört auch ein eigenes musikalisches Instrumentarium, um eben dieses Tonsystem und daneben Partchs eigenwillige klangliche Ideen wiedergeben zu können.
Dafür ersann Partch einen ganzen ‚Zoo‘ verschiedener Musikinstrumente, die er nicht nur selbst entwickelte, sondern auch selbst baute und die eine Bandbreite vom Charme der kreativ-anarchistischen Bastelei bis zum Großinstrument mit Design-Ambitionen abdecken.

Ebenso ungewöhnlich wie die Klänge dieser Partch’schen Instrumente sind auch ihr Aussehen und ihre Namen. Darunter finden sich beispielsweise „Cloud Chamber Bowls“ (etwa: „Nebelkammer-Schüsseln“, ein Satz von einer Art Gongs aus abgeschnittenen flaschenförmigen Glasbehältern), ein „Zymo Xyl“ (eine Art Flaschen-Xylophon), die „Kithara“ (eine mikrotonale Groß-Harfe mit antikem Namen) und mit den „Spoils of War“ („Kriegsbeute“) ein mannshohes T-förmiges Kombinations-Instrument aus mehreren verschiedenen Perkussions-Instrumenten. Hinzu kommt nicht zuletzt mit der „Marimba eroica“ das wohl größte jemals gebaute Marimbaphon mit Klangplatten von bis zu ca. 2,25 m Länge.

In dieser ungewöhnlichen Klangpalette sah Partch auch ein Harmonium in 43-stufiger Stimmung vor, das er „Chromelodeon“ nannte und das zugleich als Referenz-Instrument dienen soll, nach dem die übrigen Instrumente gestimmt werden. Dabei dürfte Partch auch an die Stimmstabilität gedacht haben, die das Harmonium gegenüber anderen Instrumenten, insbesondere den Saiten-Instrumenten auszeichnet.

Bedingt durch ihre eigenwillige Bauweise und die Umstände ihrer Herstellung und Nutzung sind die von Partch ersonnenen und erbauten Instrumente Unikate, von denen nur ein einziger vollständig erhaltener Satz im Harry Partch Institute der Montclair State University in New Jersey (USA) existiert. Diese Original-Instrumente können zwar zu Studienzwecken genutzt werden, sind aber letztlich nicht transportfähig.
     Daher mussten sämtliche, für die Aufführung von „The Delusion of the Fury “ benötigten Instrumente nachgebaut werden, auch das Chromelodeon.

Für Harmoniumrestaurator und Instrumenten-Sammler Ulrich Averesch, Gründungsmitglied des Arbeitskreises Harmonium, und den mit ihm zusammenarbeitenden Bollschweiler Orgelbaumeister Andreas Weber war der erste und bisher einzige Nachbau des Chromelodeons, der über 20 Jahre nach dem endgültigen Ende der Harmoniumproduktion stattfand, eine ungewöhnliche Aufgabe.

Das von Averesch und Weber neu erbaute Chromelodeon ist nun zusammen mit den übrigen unter Leitung von Instrumentenbauer und musikFabrik-Schlagzeuger Thomas Meixner nachgebauten Partch-Instrumenten in „The Delusion of the Fury“ bei der Ruhrtriennale und in weiteren späteren Aufführungen zu hören.

Der aufwendige Nachbau des für die europäische Erstaufführung benötigten Partch-Instrumentariums wäre wohl ohne die Förderung durch die Kulturstiftung des Bundes und die Kulturstiftung NRW kaum zu realisieren gewesen.

Da es für das Partch-Instrumentarium kaum oder nur sehr entfernte Vorbilder gibt, haben die auf Neue Musik spezialisierten Musiker des Ensembles musikFabrik die Spieltechniken des Partch-Instrumentariums und den Umgang mit dem 43-stufigen Tonsystem für die Aufführungen neu erlernt.

All dies soll das Werk von Partch in Europa bekannter machen und zu einer Revitalisierung seines musikalischen Erbes beitragen.
  

Suggestives Musiktheater-Ritual

The Delusion of the Fury“ gilt als Schlüsselwerk und musikalische Quintessenz des Außenseiters Harry Partch. Weder vom Instrumentarium noch vom Konzept und der Handlung her steht „The Delusion of the Fury“ aus den Jahren 1965/66 einer traditionellen Oper nahe:
Das auch in optischer Hinsicht ungewöhnliche Instrumentarium holt Partch aus dem Orchestergraben und stellt es auf die Bühne, wo es nicht nur hörbar, sondern auch permanent sichtbar ist. Denn für Partch sind seine Musikinstrumente auch räumliche Produkte, die eine entsprechend auffällige Präsenz haben sollen.
Dass Partch die Musiker, die zum Musizieren an diesen optisch sehr präsenten Instrumenten ebenfalls auf der Bühne agieren, gleichzeitig zu Darstellern macht, ist in dieser Hinsicht nur konsequent. Weil sich dadurch die Handlung zwischen die Instrumente verlagert, erfolgt eine Verschmelzung der in der klassischen Oper funktional getrennten räumlichen Ebenen von Orchestergraben und Bühne, und die Trennung zwischen Musikern und Sängern bzw. Darstellern wird aufgehoben.

Die Handlung lässt Partch ebenfalls weitab überlieferter Konventionen spielen und verknüpft zwei japanische Nô-Theaterstücke aus dem 11. Jahrhundert und eine äthiopische Volkssage lose und assoziativ miteinander. Dabei geht es um die Themen Vergebung, Gerechtigkeit und das Verhältnis von Leben und Tod. Die Musiker als Darsteller handeln pantomimisch, „The Delusion of the Fury“ ist auch dadurch vielmehr ein zelebriertes suggestives Musiktheater-Ritual oder Happening als eine Oper im traditionellen Sinne.

Im Bühnenbild stehen hohe, schlanke in ihren Leuchtkörpern asiatisch anmutende Lampen. Skulpturen ziehen sich wie große Schläuche zwischen den Instrumenten hindurch, die Instrumente sind angeordnet wie Häuser um einen Bach, und die Kostüme mit ihren Industrie-Anleihen und Stirnlampen verweisen auf das Schwerindustrie- und Bergbau-Milieu. All dies gibt der oft surreal oder psychedelisch anmutenden exotischen Handlung, die durch eine entsprechende Beleuchtung unterstützt wird, einen Rückbezug in die Realität des Spielortes, der Jahrhunderthalle als Industriedenkmal mitten im Ruhrgebiet.

Stefan Gruschka

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Ausführende

  • Komposition: Harry Partch
  • Regie: Heiner Goebbels
  • Bühne, Licht: Klaus Grünberg
  • Kostüme: Florence von Gerkan
  • Dramaturgie: Matthias Mohr
  • Musikalische Einstudierung: Arnold Marinissen
  • Choreografische Mitarbeit: Florian Bilbao
  • Sounddesign: Paul Jeukendrup
  • Dramaturgische Projektentwicklung
    Ensemble musikFabrik: Beate Schüler
  • Leitung Instrumentenbau: Thomas Meixner
  • Bau Luftobjekte: Frank Fierke

 

Ensemble musikFabrik, Köln
   

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Veranstaltungstermine und Aufführungsort

Veranstaltungstermine

Premiere: 23. August 2013

Weitere Termine:

  • Am Sonntag, den 1. und Sonntag, den 8. September 2013 jeweils um 17.00 Uhr,
  • am 24., 30. und 31. August 2013 sowie am 6. und 7. September 2013 jeweils um 20.00 Uhr.

Dauer: ca. 1 h 30 min

Europäische Erstaufführung
  

Veranstaltungsort:

Jahrhunderthalle Bochum
An der Jahrhunderthalle 1
D-44793 Bochum
http://www.jahrhunderthalle-bochum.de/
e-Mail: info(at)jahrhunderthalle-bochum.de
   

Karten

Karten sind über die Aufführungs-Seite der Ruhrtriennale zu erwerben.
Dort (links unten) auf die gewünschten Termine klicken:

http://www.ruhrtriennale.de/de/programm/produktionen/harry-partch-delusion-of-the-fury/
 

Weitere Aufführungen:

Nach Abschluss der Ruhrtriennale geht die Inszenierung auf Tournee nach Norwegen, in die Schweiz, und nach Amsterdam und New York.

Weitere Termine (ohne Gewähr):

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Weitere Informationen

Informationen zum Chromelodeon

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Berichte und Rezensionen (Auswahl):

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Videos

Videos über Harry Partch und sein Instrumentarium auf YouTube
(Produktion: Ensemble musikFabrik)

  1. Komponistenportrait Harry Partch: The Composer Harry Partch - An American Maverick (Harry Partch Project, Ensemble musikFabrik):
    http://www.youtube.com/watch?v=A3zeJbHsQBQ&feature=c4-overview&list=UU6Jvs2jetf9C98Bz69LxI6Q
  2. Video über den Bau der Instrumente für die Partch-Aufführung: The Instrument Building (Harry Partch Project, Ensemble musikFabrik):
    http://www.youtube.com/watch?v=U6Ef2C-jgQw&feature=c4-overview&list=UU6Jvs2jetf9C98Bz69LxI6Q
       

Weitere Videos: 

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Fotos

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